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ROOTS | eine Vorschau

„Aber dass ein Baum groß werde, dazu will er um harte Felsen harte Wurzeln schlagen!  Friedrich Nietzsche

WURZELN | Jeder Baum braucht Wurzeln, die ihm Halt und Energie geben. Nur so kann er einen hohen Stamm, eine weite Krone und feste Rinde bilden, um Stürmen zu trotzen, lange Winter zu überstehen, immer wieder den Frühling in voller Blüte zu begrüßen, ein dichtes Laubkleid und reiche Frucht zu tragen. Dem Baum nicht unähnlich benötigt auch der Mensch Wurzeln, die ihn in der Welt verankern und ihm Sicherheit und Kraft spenden.
Trotz ihrer essentiellen Bedeutung bleiben die Wurzeln jedoch meist im Verborgenen und sind vielen kaum bewusst. Wie uns der Baum ein Spiegel sein kann, so vermag uns auch seine Wurzel ein Gefühl für die eigenen Wurzeln zu vermitteln. Sie können einen Weg weisen und einen Zugang schaffen, um einen Blick das zu werfen, was tief in uns im Verborgenen liegt …

 

„Nicht mehr zu wissen, wo man hingehört […] ist ein sehr modernes und verbreitetes Gefühl." Beate Mitzscherlich

ENTWURZELUNG | Globalisierung, Freiheit und Weltoffenheit sind fundamentale Eigenschaften der modernen Gesellschaft, die den Menschen eine Welt nahezu unbegrenzter Horizonte erleben lassen. Entsprechend dieser Fülle an Optionen und Möglichkeiten steht  der Mensch aber auch stets unter einem großen Entscheidungsdruck und muss einen hohen Aufwand betreiben, um sich in der Vielfalt der Möglichkeiten nicht zu verirren und zu verlieren.
Heimatkonzepte räumlicher, sozialer, kultureller und/oder emotionaler Art sind immer schwerer umzusetzen. Sie bedürfen der Definition eines Rahmens, innerhalb dessen der Mensch Sicherheit, Identität etc. erlebt. Das Individuum ist der ständigen Gefahr, seine Heimat zu verlieren, ausgeliefert. Der Verlust der Heimat sowie die Angst davor erhöht die Anfälligkeit für psychische Belastungen, Depressionen oder gar Psychosen – Symptome einer psychischen Entwurzelung.
In besonders ausgeprägter Form zeigen sich diese Phänomene bei Migranten und Vertriebenen, die Ihre Heimat (territorial, sozial) verlassen mussten und somit Ihrer Wurzeln beraubt wurden. Was für diese Menschen in besonderem Maße zutrifft, zeigt sich aber auch als allgemeine Tendenz, wie vor allem der immense Anstieg o.g. Erkrankungen beweist. Ein Großteil der Menschheit leidet an Entwurzeltsein.

 

„Macht euch mit Bäumen vertraut. Begreift sie als lebendige Wesen mit Kümmernissen und Sehnsüchten, die den unseren nicht einmal so unähnlich sind." John F. Carlson

METAPHORIK DER WURZEL | Im Rahmen der reichhaltigen Symbolik der Bäume, die seit jeher zur Beschreibung und Veranschaulichung vielfältiger sozialer, kultur-historischer, psychologischer Dimensionen menschlichen Daseins herangezogen wurden, kann die Metaphorik der Wurzel diese Problematik sehr treffend reflektieren: „seine Wurzeln haben“ (in einem Ort oder einem Land), „Wurzeln schlagen“ (an einem Ort), „zurück zu den Wurzeln“, „ein Problem an der Wurzel packen“, „sich entwurzelt fühlen“, „fest verwurzelt sein“ (in einer Gemeinschaft), „weit zurück reichende Wurzeln“…

 

„Nichts ist für mich mehr Abbild der Welt und des Lebens als der Baum.“ Christian Morgenstern

NATUR ALS SCHÖPFERIN | ROOTS thematisiert die zunehmende Entwurzelung der Gesellschaft und stellt sie auf künstlerischer Ebene in Diskurs. Formale Grundlage der Arbeit sind Wurzeln und Wurzelstücke, die in Seen und Mooren sehr lange unter Luftabschluss verwittert sind.  Die Natur in ihren vielfältigen Dimensionen ist somit Schöpferin der Objekte und daher kreative und gestaltende Kraft. Jede Wurzel wird durch  Wechselwirkung mit seinem Umfeld zu einem einzigartigen Objekt und erlaubt so metaphorisch einen Vergleich zum menschlichen Individuum, welches ebenso durch sein Umfeld – Familie, Kulturkreis, individuelle Erfahrungen etc. -  beeinflusst und einzigartig geformt wird. Gleichzeitig geschieht der Schöpfungsakt auf wertneutrale Weise. Jede Wurzel ist genau so, wie sie ist; ohne gut oder schlecht, schön oder hässlich zu sein. Auch diese nicht wertende Akzeptanz bildet eine wichtige Grundlage der Arbeit.

KÜNSTLER ALS VERMITTLER | Der Autor/Künstler ist also nicht in erster Linie schöpferische Kraft sondern nimmt die Stellung eines Vermittlers ein. Die Auswahl einzelner Wurzeln oder Wurzelteile nach ästhetischen, formalen und inhaltlichen Maßgaben stellt seinen ersten Eingriff dar. Das, was stets im Verborgenen bleibt und doch so außerordentlich wichtig ist, wird sichtbar und fassbar gemacht.

SKULPTUR | Die Wurzeln werden aus ihrem natürlichen Umfeld herausgelöst und in eine neutrale, künstliche Umgebung verortet. Dadurch  findet die wichtige Abstraktion statt, welche eine Neubewertung des Objekts ermöglicht und -fordert, da gewohnte Bezüge, Maßstäbe und Relationen nicht mehr anwendbar sind. Dies wird durch eine Neuausrichtung des Objekts verstärkt. Das typische Bild einer Wurzel findet keine Anwendung mehr, wodurch ein größtmöglicher Interpretationsspielraum geschaffen wird. Form, Oberfläche, Farbe etc. zeigen sich intensiver und unverfälscht. Die Wurzel ist befreit und wird zur Skulptur.

BEARBEITUNG DER SKULPTUR | Nun findet die Auseinandersetzung des Künstlers mit der Skulptur - und umgekehrt! - statt. Aus dieser Kommunikation zwischen Subjekt und Objekt formen sich sukzessive - immer auf Grundlage der oben beschriebenen Symbolik und Metaphorik - einerseits Ideen, Themen und Konzepte und andererseits Form, Oberfläche und Farbe. Durch sensible Eingriffe wird vorrangig die Struktur (Schleifen, Bürsten etc.) und Färbung (durch Bleichen, Ölen etc.) der Oberfläche und nur zurückhaltend die Form selbst bearbeitet. Dies erfolgt ausschließlich in einem angemessenen Maße, welches die Stellung der Natur als Schöpferin und des Künstlers als  Vermittler nicht aufweicht, auflöst oder umkehrt.

THEMEN UND ANSPRUCH | Die Themen entwickeln sich hauptsächlich vor dem Hintergrund der eigenen intensiven  Auseinandersetzung mit Entwurzelung und deren psychologischen Symptomen wie Depression oder Angst. Als Beispiele sind zu nennen: Innen und Außen, Verdecken und Aufbrechen, Vernetzen und Isolieren, Schönheit des nicht Perfekten. Außerdem soll diese Arbeit helfen, das Thema öffentlich zu artikulieren, Einblicke zu geben, Verständnis und Erkenntnis zu vermitteln und Hilfe zu leisten. Der Künstler als Vermittler möchte - ähnlich einem Reiseführer - mittels der Skulpturen Wege weisen, aufmerksam machen und Erfahrungen und Gedanken mitteilen; dies jedoch mit einem hohen Maß an Offenheit und Interpretationsspielraum...

AUSBLICK | Die Skulpturen sollen in Galerien und öffentlichen Plätzen / Einrichtungen gezeigt werden. Die dreidimensionalen Objekte werden durch großformatige Detail-Fotografien begleitet, welche Strukturen, Farben usw. im Makroformat präsentieren und damit ein zusätzliches Interpretationselement bieten, in die Tiefe der Objekte ein- und vorzudringen. Die Sammlung umfasst derzeit ca. 40 Objekte in den Größenordnungen von 40 cm bis 200 cm. Die bildlichen Darstellungen zeigen Ausschnitte der Wurzeln vor der Bearbeitung, können aber so bereits eine Idee derselben vermitteln.

 

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